In meiner Studienstadt Aachen kommen auf eine Frau vier Männer. Allerdings sind von diesen vier Männern statistisch gesehen dreieinhalb Maschinenbauer oder Elektrotechniker, und die tragen alle karierte Hemden (die Maschinenbauer großkarierte rot-blaue und die E-Techniker klein karierte in Brauntönen), haben ihre erste Freundin durchschnittlich mit etwa 27 Jahren, halten Tolstoi für das Konkurrenzunternehmen von Toys 'R' us und sind ganz allgemein von der emotionalen Reife her ungefähr im Vorschulalter. Der halbe Mann, der übrig bleibt, ist Kunsthistoriker oder Soziologiestudent und damit höchst wahrscheinlich schwul. So sieht das aus.
Es gibt nur noch eines, das man auf einem Campus zahlreicher antrifft als Kneipen und Copyshops: Klischees. Die treffen meist entweder Minderheiten oder solche Fachgruppen, die zahlenmäßig in der absoluten Überzahl sind, wie eben Maschinenbauer in Aachen, die sich bekanntlicherweise Frauen nur in Gruppen ab mindestens sieben Kommilitonen nähern, womit sie das natürliche biologische Gleichgewicht jeder Kneipe beim Entern einer solchen sofort zum Kippen bringen.
Ich selbst war Kunstgeschichtsstudentin und damit eine von denen, denen man nachsagt, sie bereiten sich im Studium auf ein Leben als Gattin und auf die geschmackvolle Ausschmückung der Eigenheims vor. Auch im Nebenfach Germanistik sah es nicht besser aus, denn Germanistikstudenten, die alle das Laber-Gen haben, ist bekanntlich nichts anderes zum Studieren eingefallen. Germanistikstudenten beginnen Statements grundsätzlich mit "Ich glaube" - vielleicht wären viele von denen auf der Koranschule glücklicher. Germanistikstudenten schreiben alle mehr oder weniger heimlich schauderhafte Gedichte. Hab ich was vergessen? Ach ja: Natürlich brechen 9 von 10 Germanisten das Studium ab, weil sie von Anfang an keinen Karrierebiss hatten. Die, die zu Ende studieren, sehen einem Leben in Armut entgegen, prophezeit in zahlreichen Witzen: "Sagt ein Arzt zum Germanisten: 'Sie haben noch fünf Monate zu leben.' Fragt der Germanist: 'Wovon denn?'" oder auch: "Was fragt eine Germanistin, die Arbeit hat, eine Germanistin, die keine Arbeit hat? 'Willst du deine Pommes mit Mayo?'"
Aber die anderen Fachrichtungen sind auch nicht besser: Psychologiestudenten wollen heimlich alle die Welt beherrschen. Die Männer hoffen, sie könnten mit ihrem Fachwissen über die Funktionen der Psyche besser Frauen aufreißen. Die Frauen wiederum glauben, sie könnten ihren Freund so besser kontrollieren. Pädagogikstudenten fangen an zu studieren, weil sie als Kind nur Erwachsenen begegnet sind, die Kinder hassen, und dann brechen sie vor dem Vordiplom ab, weil sie einsehen, dass das einen Grund hatte. Und Philosophiestudenten studieren entweder 28 Semester und werden dann arbeitslos oder Terroristen. Oder sie brechen nach drei Semestern ab, halten sich aber trotzdem für erleuchteter als andere und sehen in gebügelten Klamotten eine intellektuelle Bankrotterklärung. Geisteswissenschaftler bleiben gerne unter sich. Eine hohe Erfolgsquote bei Frauen haben Soziologiestudenten, weil die so emanzipiert sind, dass sie auch mal freiwillig spülen und man sich gut mit ihnen unterhalten kann - vorausgesetzt, sie lassen einen zu Wort kommen. Auch Pferdeschwanz tragende Theologiestudenten haben Chancen, weil sie aus Gründen der kirchlichen Karriere keine wilde Ehe führen dürfen und irgendwann heiraten müssen. Allerdings sagt man ihnen ein verklemmtes Sexualleben nach. Neben all diesen potenziellen Sozialhilfeempfängern gibt es aber auch Studenten mit tatsächlichen Karrierechancen:
Mediziner, die ihre eigene Oma lebend obduzieren würden, wenn es dafür einen Sonderbonus gäbe, und BWLer, die Fake-Hermes-Halstücher tragen und noch so einiges anderes vortäuschen, wenn sich damit ihre Chancen erhöhen, einen Mediziner abzukriegen. Ja, so ist das.
Allen Studis gemein ist aber, dass sie von den Nichtstudierenden verachtet werden, weil das Leben eines Studis nur aus Party, pennen und poppen besteht. Und die Studis wiederum verachten die Nichtstudierenden, weil die zu dumm waren, sich für ein Leben, das nur aus Party, pennen und poppen besteht, zu entscheiden. Studis schlafen lange und sitzen gern in Cafés. Dass sie dafür abends um halb neun noch Lateinkurse besuchen und in den Cafés auch durchaus mal ein Referat vorbereiten, fällt dabei nicht ins Gewicht. Galten Studenten in den 68ern noch als Unruhestifter, Gruppensexfans oder Dauerdemonstranten, sind sie heutze Spaßyuppies, die sich von der Loveparade beim Chillen in gemütlichen geisteswissenschaftlichen Seminaren erholen, oder sich die ganze Nacht in Rudeln Mut antrinken, um morgens endlich die einzige Frau in der Bergbauvorlesung angraben zu können, wobei das ja keine Eile hat, denn bei 36 Semestern sollte sich schon mal eine Gelegenheit ergeben. All das ist wahr. Ausnahmen gibt es keine. Nirgendwo, niemals.